Sechs Morgenandachten


zu den

Zwölf Schritten

der

Anonymen Alkoholiker


gehalten im NDR/WDR vom 24. – 30. März 1980

durch

P. Georg Franitza


  1. Morgenandacht - Montag den 24.3.80

12 Schritte-

Meine lieben Zuhörer, ohne mich bemüht zu haben, bin ich mit der Gemeinschaft der AA (Anonymen Alkoholiker) bekannt und vertraut geworden. Dabei hat sich ein eigenartiger Rollentausch vollzogen. Anfangs meinte ich als Pfarrer auf Grund meiner Ausbildung eine Menge anbieten zu können. Mit der Zeit aber merkte ich, daß ich bei den Treffen und Begegnungen mehr empfing, als ich geben konnte. Heute und an den kommenden Tagen dieser Woche möchte ich Ihnen ein wenig von dem mitteilen, was für mich aus dem Leben und Programm der AA wichtig geworden ist. „Ich glaube nämlich, daß viele dieser menschlichen Grundeinsichten nicht nur für Süchtige, sondern für jeden von uns praktisch werden können. Außerdem habe ich erfahren, daß vieles von dem, was dort gelebt wird, mich viele Worte des Evangeliums in einem neuen Licht sehen läßt. Ich möchte sie zunächst mit einigen der sogenannten 12 Schritte bekannt machen:

1.) Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr allein meistern konnten.

2.) Wir kamen zu dem Glauben, daß nur eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.

3.) Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

5.) Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.

11.) Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewußte Verbindung zu Gott, wie wir ihn verstanden, zu verbessern.

12.)  Nachdem wir durch diese Schritte ein geistiges Erwachen erlebt hatten, versuchten wir diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.

Wichtig erscheint mir zunächst, daß es sich hier nicht um 12 Gebote oder 12 Lehrsätze handelt sondern um Schritte. Es hat keinen Zweck, sie beweisen zu wollen, denn sie erschließen sich in ihrer Wahrheit nur dem, der bereit ist, sie zu gehen. Es war für mich eine faszinierende Beobachtung, im Laufe der Jahre zu sehen, wie Menschen durch diese Schritte ihr Leben verändern konnten. Tatsächlich ist dieses Programm nicht in der Studier­stube eines Weltverbesserers entstanden, sondern zwei von allen als hoffnungslose Fäl­le abgeschriebene Trinker, Bill und Bob, haben sie miteinander entdeckt, ausprobiert und dann anderen weitergegeben. - Ich erkenne hier die Wahrheit des Bibelwortes neu: Wer die Wahrheit tut, kommt ans Licht. Und erinnere mich an die Tatsache, daß die wichtigste Aufforderung Jesu an seine Jünger nicht die Annahme einer Lehre ist, sondern der Satz: Folge mir nach.

Mir fällt dabei auf, daß in unseren Predigten viel zu viel geredet wird, was nicht durch Erfahrung gedeckt ist. Außerdem machen wir häufig den Fehler, daß wir suchenden Menschen gleich eine komplette Theorie vorsetzen und ihnen zu wenig Möglichkeiten anbieten, eigene Schritte und damit eigene Erfahrungen zu machen. Wahr­scheinlich haben wir in der Kirche auch zu wenig Geduld mit denen, die nicht gleich alle Schritte auf einmal tun können. Ich hoffe, daß ich selbst ein wenig gelernt habe, Leben aus dem Evangelium als Weg zu sehen, auf dem ich erst selbst meine Schritte machen muß, bevor ich andere einladen kann, Ihn auch zu gehen.

2. Morgenandacht - Dienstag. den 25.3.80

Kapitulation

Meine lieben Zuhörer, in dieser Woche möchte ich versuchen, ihnen als Freund der Anonymen Alkoholiker einige Erfahrungen dieser Gemeinschaft weiterzugeben, die für mich selbst im Laufe der Jahre wichtig geworden sind. Sie haben mir geholfen, einige wichtige Lebenszusammenhänge neu zu verstehen. Alle Freunde bei den AA sagen, von ihrem Programm der 12 Schritte sei der erste Schritt der wichtigste und zugleich der schwierigste:

"Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind

und unser Leben nicht mehr allein meistern kannten."

Kapitulation heißt das in der Sprache der Gruppen. Die eigene Machtlosigkeit zugeben - das hört sich so einfach an und ist doch so schwer. Jeder, der - wie es hier verlangt wird - bedingungslos kapituliert, gibt sich selbst aus der Hand und wird damit in einer gewissen Weise schutz- und wehrlos. Es ist bekannt, daß der noch nasse Alkoholiker, wenn er auf seine Trinkmenge angesprochen wird, grundsätzlich lügt. Er kann die Wahrheit nicht zugeben, weil er die Mißachtung nicht ertragen kann, die er erfährt, wenn er die Maske vom Gesicht nimmt und sagt, was wirklich mit ihm los ist. Um diese Mißachtung auszugleichen, tritt der Alkoholiker oft großspurig auf, wirft Lokalrunden, prahlt und gibt an. Je lauter er es tut, desto elender ist ihm innerlich zumute. Immer wieder macht er den verzweifelten Versuch, sich selbst und anderen zu beweisen, daß er sich noch in der Hand habe, daß er niemanden brauche und schon allein zurechtkomme. Die entscheidende Chance zur Umkehr beginnt genau in dem Augenblick, wo all das nicht mehr hilft und einer seine ganze Not herausschreit, wie die Jünger im Seesturm: "Herr, rette uns, wir gehen zugrunde" Martin Luther sagte einmal in diesem Zusammenhang. ,,Es ist Gott eigen, aus dem Nichts zu schaffen und bevor du nichts bist, kann Gott mit dir nichts beginnen.“ Und irgendwo las ich: ,,Es ist erstaunlich, was Gott mit den Trümmern eines Lebens anfangen kann, wenn man sie ihm g a n z überläßt." - Nichts werden - Gott die Trümmer seines Lebens überlassen, all das verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Satz: ,,Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr allein meistern konnten."

Ich glaube, daß viele von uns ihr Leben nicht mehr allein meistern können, ja daß wir auf verschiedene Weise machtlos sind. Und was dem Alko­holiker so schwer fällt, nämlich seine eingebildete Größe und seinen Stolz aufzugeben, das fällt uns noch schwerer. Denn wer seine Ohnmacht nicht so unausweichlich erlebt, wie der Alkoholiker, hat es entsprechend leichter, sich und anderen länger etwas vorzu­machen. Eigentlich müßte es gegen alle Mächte, denen wir ausgeliefert sind, Gruppen geben, in denen wir alles zugeben könnten: Unsere Ängste, unsere Unfähigkeit, die eigenen Gefühle zu beherrschen, unsere Ehe- und Erziehungsnöte, unsere Hilflosigkeit angesichts von Krankheit und Tod. um nur einiges zu nennen. Ganz sicher würde man die gleiche Erfahrung machen, wie bei den AA, daß gerade Gott dort, wo wir zugeben. am Ende zu sein, die Chance beginnt, neu anzufangen.

3. Morgenandacht - Mittwoch den 26. 3.80

Gott erfahren

Meine lieben Zuhörer, das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker ist nicht nur für Abhängige aktuell. Wir lernten gestern den 1. Schritt kennen, ,,Wir gaben zu, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind." Ihm folgte der Zweite: „Wir kamen zu dem Glau­ben, daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiederge­ben kann." Und der dritte: ,,Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir ihn verstehen, anzuvertrauen." So seltsam das klingt, ich habe erlebt, daß überzeugte Atheisten diese Schritte vollzogen. Wenn ich dann mit ihnen sprach, sagten sie: „Komm uns nicht mit dem lieben Gott! Den können wir uns nicht vorstellen. Wir trauen nur unserer Erfahrung. Für uns ist Macht, die größer ist, als wir selbst, die Gruppe. Hier erfahren wir eine Kraft, die wir vorher nicht kannten und die uns auch noch trägt, wenn wir nach dem Meeting wieder allein sind." Eine Berlinerin drückte das so aus: ,,Ick gloob ja nich an Gott, aba det war een Wunder" Auf Hochdeutsch: Ich habe etwas erlebt, was ich nie für möglich gehalten habe, was ich auch nicht erklären kann. Eine Macht, die mich befreite und die mir neue Möglichkeiten zum Leben schenkte. Ich kann zu dieser Macht nicht Gott sagen. aber ich habe sie erfahren. Wenn Freunde so reden, kommt es mir heute nicht mehr in den Sinn, viel von Gott zu reden. ich merke immer wieder, daß Gott sich selbst am besten bezeugt. Er gibt sich heute auf die gleiche Weise zu erkennen, wie er es in der Bibel bei seinem Volk tat: Als Gott, der rettet und befreit. Man muß für diesen Gott nicht gleich einen Namen haben. Dort, wo Moses nach seinem Namen fragt, antwortet er: Sag dem Volk Israel, der ICH BIN DA hat mich zu euch gesandt. Jahwe, das ist mein Name von Geschlecht zu Geschlecht.

Was die atheistischen Freunde ablehnen, ist im Grunde nur der für sie fremde Gott, von dem sie aus ihrer Kindheit seltsame angelernte Vorstellungen mit sich herumtragen, ein Gott, in Wirklichkeit ein Götze, zu dem sie eigentlich nie eine persönliche Beziehung gefunden haben. Ein Gott, von dem ein Theologe unse­rer Tage sogt: „Gott sei Dank, daß es das nicht gibt, was viele Menschen für Gott hal­ten." Immer wieder machte ich diese gleiche Beobachtung: Freunde bei AA, die nur ihrer Erfahrung trauten, merkten, daß sie durch irgendeine Kraft aus den Klauen der Sucht zu einem neuen Leben befreit wurden. Sie nannten die Kraft gern die Höhere Macht, zu der sie anfangs nicht gerne Gott sagen mochten. Später taten es fast alle, erst zögernd, dann immer unbefangener. Sie lernten auch den 11. Schritt zu tun, der lautet: ,,Wir such­ten durch Gebet und Besinnung die bewußte Verbindung zu Gott, wie wir ihn verstan­den, zu verbessern." Einer hat diesen Weg so beschrieben:

,,Aus dem mir fremden Gott, der mir nur anerzogen war, mußte mein eigener Gott wer­den, der Gott meiner Erfahrung, meines Lebens." - Ich glaube, daß dies immer so ist. Überall dort, wo Menschen frei werden, dort, wo sie die Kraft empfangen, ihr Leben zu erneuern, dort handelt Gott. Und früher oder später finden auch diejenigen, die meinen, nicht glauben zu können, eine Beziehung zu ihm, der längst, bevor wir ihn mit Namen nennen, schon in jedem von uns am Werk ist.

4. Morgenandacht - Donnerstag. den 27.3.80

Voraussetzungen für die Offenheit.

Eine erstaunliche Erfahrung, die jeder machen kann, der persönlichen Kontakt mit den Gruppen der Anonymen Alkoholiker hat, ist die schonungslose Offenheit, mit der dort über die eigenen Fehler geredet wird. Ich vergesse den Eindruck nie, als ich zum ersten Mal die Worte hörte: Ich heiße Walter und bin Alkoholiker, ich heiße Inge und bin alkohol- und tablettenabhängig. Im Programm der 12 Schritte heißt es zwar: ,,Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren und wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen unverhüllt unsere Fehler zu." - Aber wie ist das möglich? Ist das eine Art seelischer Striptease? Selbsterniedrigung als Genuß? So habe ich es nicht er­lebt. Jeder, der zuerst in aller Öffentlichkeit sagen kann: Ich bin Alkoholiker, empfindet es als eine ungeheure Befreiung, endlich die Maske vom Gesicht zu nehmen und aus dem Teufelskreis des Leugnens ausbrechen zu können. Aber ich frage noch einmal: Wie ist das möglich, was in aller Regel in unserem Alltag unmöglich erscheint? Bei Jesus finden wir Vergleichbares. Er war ein Mensch, der nicht verurteilte. „Ich bin nicht gekommen, um zu verurteilen, sondern um zu retten," sagt er. Und seinen Anhängern verbietet er nichts häufiger, als einander zu be- und verurteilen. „Verurteilt nicht, damit euch Gott nicht verurteilt," heißt es in der Bergpredigt. Deswegen fühlen sich Sünder und Zöllner in sei­ner Nähe so wohl, weil sie sich von ihm zum ersten Mal angenommen und geliebt wissen. In den jungen Christengemeinden müssen diese Zusammenhänge noch sehr lebendig gewesen sein.

,,Christus hat euch angenommen, nehmt auch ihr einander an", schreibt der Apostel Pau­lus. - Irgendwann muß das in Vergessenheit geraten sein. Ich möchte wissen, warum Menschen mich bei der ersten Begegnung so häufig als Vertreter einer Institution emp­fingen, die über sie zu urteilen hat. Sie machten dann sofort den Versuch, sich zu rechtfer­tigen. Und wenn einem sonst nichts anderes einfällt, erzählt er mir von seiner streng katholischen Oma oder der Tante im Kloster. Die weiße Weste scheint im Gegensatz zur Zeit der ersten Christen die Eintrittskarte in unsere Gemeinde zu sein. Einen Hinweis, wie man das ändern könnte, und warum das bei AA nicht so ist, fand ich in der Präambel dieser Gemeinschaft: Die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft bei AA ist der aufrichtige Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. - Es überzeugt mich, was passiert, wenn einer nach einem oder mehreren Rückfällen vielleicht nach längerer Abwesenheit in die Gruppe zurückkommt. Die anderen kennen seine Schwierigkeiten, weil sie sie am eige­nen Leibe erlebt haben. Sie machen ihm keine Vorwürfe, sondern erzählen ihm einfach, was ihnen selbst in ähnlichen Krisen geholfen hat. Das Beispiel der anderen wirkt viel kräftiger, als jede Form des ,,ins Gewissen Redens". Gerade die Freiheit von jedem moralischen Druck macht fähig, sein Leben wirklich zu ändern. Ich hoffe, daß ich diese Lektion von den AA gründlich genug gelernt habe.

5. Morgenandacht - Donnerstag, den 27.3.80 

Auferstehung

Meine lieben Zuhörer: Zu den Dingen, die wir im normalen Alltag auch unter Christen kaum für möglich halten, gehört die Hoffnung, daß ein Mensch sich wirklich von Grund auf ändern könnte. Das aber ist die Erfahrung, die mich in den mehr als 8 Jahren, in denen ich mit den Anonymen Alkoholikern verbunden bin, am meisten beeindruckt hat, daß Men­schen in den Gruppen wirklich anders geworden sind. Ich erinnere mich noch an das öffentliche Meeting, bei dem ich das zum ersten Mal von einer Frau hörte: „Ich habe eine Wiedergeburt erlebt. Es kommt mir vor, als sei ich gestorben und fange jetzt erst an, richtig zu leben." Bei einer anderen Gelegenheit erzählte die Ehefrau eines Alkoholikers, daß sie in den schlimmsten Zeiten seiner Trinkerlaufbahn gelegentlich gebetet habe: ,,Gott, laß das aufhören, oder laß ihn sterben." Sie habe dann später gemerkt, daß ihr Gebet anders, als sie dachte, erhört worden war. Denn nachdem ihr Mann in AA nüchtern geworden war, stellte sie fest, daß ihr alter Mann tatsächlich nicht mehr existierte und daß sie mit dem, der sozusagen neu geboren war, auch erst eine neue Beziehung finden mußte. Sie erzählte weiter, wie schwer ihr das wurde, wie sie manchmal wünschte, er würde wieder saufen und wie sie erst durch die Angehörigengruppe, die sogenannte Al-Anon Gruppe ähnliche Schritte wie ihr Partner machen mußte, eben einen geistigen Ster­be- und Auferstehungsprozeß. Durch solche Berichte verstand ich auf einmal die Glaubenszeugnisse der ersten Christen neu. Sie mußten ähnliches erlebt haben, wenn sie die Taufe das Bad der Wiedergeburt nannten. Paulus schreibt: „Wenn wir mit Christus gestor­ben sind, dann glauben wir auch, daß wir mit ihm leben werden."

Hinter dem Wort vom Sterben des alten Menschen muß das gleiche umwerfende Erlebnis stehen: Auferste­hung hier und heute. Die Erfahrung eine lebensschaffenden Macht, von der Christen aller Zeiten sagen, es sei die Nacht des gekreuzigten und auferstandenen Herrn selbst. Ge­nau wie die Frauen und Männer in den AA-Gruppen sagen, daß ihr früheres Leben den Namen ,,Leben" gar nicht verdiene, so bekennen die ersten Christen: „Wir sind schon vom Tode zum Leben hinübergegangen.“ Solche Worte werden ja in unseren Kirchen auch heute noch gebraucht. Ich fürchte aus eigener Erfahrung, daß es für viele nur fromme Formeln sind und daß Christen heute mehr auf religiöse Propaganda, als auf die lebensschaffende Macht ihres Herrn vertrauen.

Wie könnten sie sonst von Menschen sagen, sie seien hoffnungslose Fälle, wie könnten sie so reden und handeln, als ob die einzige Garantie für ein christliches Leben die religiöse Kindererziehung sei? Ob einer an Ostern glaubte, zeigt sich nicht zuerst darin, daß er rechtgläubige Formeln nachspricht, sondern wie weit er der lebensverändernden Macht dessen vertraute, der gesagt hat: „Wer an mich glaubt, wird leben." Ich selbst glaube, daß dieser Christus auch außerhalb der Kirchen seine Lebendigkeit überall dort beweist, wo Menschen vom Tod zum Leben kommen. Nicht nur bei den Anonymen Alkoho­likern.

6. Morgenandacht - Samstag, den 30. März

Im Heute leben

Im Programm der Anonymen Alkoholiker wimmelt es nur so von guten Vorsätzen. Vom aufrichtigen Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören ist da die Rede, vom Eingeständnis der eigenen Machtlosigkeit, vom Willen, Schaden wieder gut zu machen bis hin zum Vorsatz, die bewußte Verbindung mit Gott zu suchen. Wer dies liest und hört, kann das Gefühl haben, alles ist viel zu viel und viel zu schwer für mich. Zunächst ist zu sagen, daß es sich beim 12-Schritte-Programm eben um Schritte und nicht um eine großartige Theorie handelt und daß die Schritte oft sehr klein sind und daß es selbstverständlich auch Rückschritte gibt. Daß dennoch Menschen, denen man es nie zugetraut hätte, auf dem 12-Schritteweg so weit voran kommen, hat einen Grund in der 24-Stunden-Methode. Zunächst geht es beim Alkoholabhängigen um das Allerschwerste, die ersten Tage der Abstinenz zu überstehen. Manche haben sie dank dieser Methode ohne ärztliche Hilfe geschafft. Sie haben gesagt, heute trinke ich nicht. Manche erzählen: das war uns noch zu lang. Wir sagten zunächst: Eine Stunde halte ich durch und dann die nächste Stunde. Nach und nach wuchs dann der Mut zu größeren Schritten. Aber selbst alte Hasen sagen auch heute noch: Ich möchte 24 Stunden auf dem Weg weitergehen und das erste Glas stehen lassen und morgen werden wir weitersehen. Alle hatten vorher unzählige Male geschworen, nie wieder zu trinken. Mich erinnert diese Methode an das Jesuswort: ,,Zerbrecht euch nicht den Kopf wegen morgen. Der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Ihr habt genug zu tragen an der Last von heute!"

Daß dies so erfolgreich ist, hat, meine ich, zwei Gründe: Wenn ich sage, ich trinke oder ich tue das und das nie wieder, dann ist mein schöner Vorsatz beim ersten Rückfall nichts mehr wert. Ich bin entmutigt und sage mir, es hat alles doch keinen Zweck. Das Wort ,,nie wieder" wird zu einer zentnerschweren Last, unter der ich leicht zusammenbreche. Die kleinere Hürde ist leichter zu nehmen ,,heute nicht". So wächst Selbstvertrauen. Was heute gelungen ist, warum soll es morgen nicht auch zu schaffen sein? Der Rückfall, die Niederlage von gestern, sie zählt nicht, denn gestern ist vorbei. Die ungewisse Zukunft vieler Jahre ist nur ein Schreckgespenst. Wirklich real ist nur das Heute und an dieser Last zu tragen ist genug. Der zweite Grund liegt in der Tatsache, daß es im geistlichen Leben keine Vorratswirtschaft gibt. Im AT wird uns er­zählt, daß auch das Manna nur immer für einen Tag gegeben und gesammelt wurde. Auch unsere tiefsten Einsichten verderben so schnell wie das Manna, wenn sie nicht ständig erneuert werden. Jeder Anonyme Alkoholiker weiß, daß er auf die Dauer ohne die regel­mäßigen Treffen, die sogenannten Meetings, nicht leben kann. Die Geschichte vieler Rückfälle hat gelehrt, daß einer in dem Moment schon abrutschte, in dem er meinte, er hätte es geschafft und brauche jetzt keine Hilfe mehr. Im Heute leben, hier und heute alles von Gott erhoffen, ohne Sorge um das Margen, das ist nicht nur für Alkoholiker die einzige Möglichkeit, das Morgen wirklich zu bestehen.